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Bildung muss neu bewertet, neu ausgerichtet und neu definiert werden. - Nicola Grinstead

Bildung muss neu bewertet, neu ausgerichtet und neu definiert werden.

Nicola Grinstead ist Vorsitzende des Vorstands der ‚World Association of Girl Guides and Girl Scouts‘, eine weltweite Bewegung von zehn Millionen Mädchen und jungen Frauen in 146 Ländern, die junge Mädchen und Frauen dabei unterstützt ihr volles Potenzial zu erreichen. In diesem Kommentar betont sie die Bedeutung von lebenslangem Lernen, außerschulischer und selbstgesteuerter Bildung und die Beseitigung geschlechtsspezifischer Gewalt. 

Die Weltgemeinschaft, die große Mehrheit der nationalen Gesellschaften und Expert/innen aus verschiedenen Disziplinen, sind mehr auf die vorteilhafte und transformative Wirkung der Bildung auf das Leben des Einzelnen und ihrer Gemeinschaften wie kaum eine andere Intervention ausgerichtet. Den Menschen, die unter der lähmenden Wirkung der Ungleichheit leiden, wird Bildung als Allheilmittel angepriesen, das sie von Armut befreit, sie von hohen Sterblichkeitsraten wegbringt und sie vor Gewalt bewahrt. 

Ich bin ein Teil dieses Konsensus. Aber, die Bildung und ihre praktische Anwendung, so wie wir sie uns vorstellen, muss neu bewertet, ausgerichtet und auch neu definiert werden.  

Neu bewertet, weil die Notwendigkeit für Bildung und die Investitionen in sie nicht über den gleichen übergeordneten Konsens verfügen wie die Wirksamkeit der Bildung. Es sollte um mehr als nur den Zugang zur Grundschule gehen. Es geht um weiterführende Schulen. Um wirklich transformativ zu sein, um die zu erreichen, die wirklich schwer zu erreichen sind, um sicherzustellen, dass wir die Erwachsenen erreichen, die nie eine Ausbildung gemacht haben und schon durch das Raster gefallen sind, muss Bildung ein lebenslanger Prozess sein. 

Neu ausgerichtet, weil es bei Bildung nicht nur um Mathematik und Alphabetisierung geht. Sie sollte Schüler auch dazu anregen, die Fachsprache der globalen Entwicklung zu verwenden – die „Kompetenzen des 21. Jahrhunderts“. Damit sind Wissen wie Bürgerrechte, Führungsverhalten, Vertrauen und Selbstwertgefühl gemeint. Und sie muss sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen, wie zum Beispiel das Körpervertrauen von/bei Mädchen. 

Neu definiert, denn obwohl die UNESCO-Definition von Bildung drei Grundpfeiler zusammenfasst - formalen, nicht-formalen und informellen – neigt Schulbildung dazu, andere Möglichkeiten zu überschatten. Aktionspläne werden somit verringert und konzentriert auf unterstützende Bildung in schulischen Umgebungen, auf die Richtlinien, Förderung und Einsatz folgt. Doch außerschulische Bildung kann in vielen Fällen bei der Überwindung von Problemen eine entscheidende Rolle spielen, wie beispielsweise bei geschlechtsspezifischer Gewalt, Konflikten und Nachhaltigkeit. 

Sie würden erwarten, dass ich mit diesen Punkten als Vorsitzende der World Association of Girl Guides and Girl Scouts argumentiere, einer Organisation, die seit über 100 Jahren Befürworterin der Wichtigkeit eines Lebens, gefüllt mit Lernen, Bürgerrechten und selbstbestimmter Bildung ist. Die Ergebnisse unabhängiger Forschungen bestätigen dies. Um ihr volles Potenzial erreichen zu können, muss ein Mädchen im Alter von 12 Jahren folgende Dinge haben: fünf Freunde, einen Platz, wo sie sich treffen können, ein älteres weibliches Vorbild, Bürgerrechte und Lebenskompetenzen wie Gesundheitsvorsorge und Ersparnisse. 

Ich bin seit sechs Monaten in dieser Funktion. Ich wurde dazu inspiriert für dieses Amt zu kandidieren, weil diese Dinge die Kernpunkte für Führung und Scouting sind. Diese Punkte sollten ebenso für Bildung wesentlich sein. Eine Bildung, die all unsere Kinder erhalten sollen. 

Doch seit der Erklärung von Peking vor 20 Jahren ist die Gewährleistung von Bildung und dessen Auswirkungen im Gegensatz zu anderen Aufgaben eher oberflächlich angegangen worden. Um den Erwartungen aus Peking gerecht zu werden, müssen wir das Thema Bildung nicht nur überdenken, neu ausrichten und definieren, sondern auch die Stärkung der Frau in den Mittelpunkt von Bildung rücken. 

Anstatt die Regierungen, die nichtstaatlichen Organisationen, die Experten und die Geldgeber alleine entscheiden zu lassen, was wichtig ist und was funktioniert, müssen wir auf die Menschen setzen, die nach Ausbildung streben. 

In der Pfadfinderinnenbewegung fragen wir Mädchen und junge Frauen was ihnen wichtig ist. Der jüngste Beweis dafür war der Auswahlprozess der neuen Geschäftsführerin des Weltverbandes, mit einer Gruppe von jungen Frauen, die am Interview-Prozess und an der Ernennung von Anita Tiessen beteiligt waren. 

Stellen Sie sich vor, wir könnten Empowerment auf die Lektüreliste der Menschen setzen. Für mich und für die Girl Guides und Girl Scouts, ist Empowerment die Möglichkeit unser volles Potenzial zu erreichen. Und hier ist die Ergänzung zu den üblichen Diskussionen über Empowerment – es geht, um die Unterstützung und Vermittlung dieser Fähigkeiten, die Möglichkeiten und Einstellungen gegenüber den Menschen und der Gesellschaft um dich herum, durch Führung, Bürgerschaft und Vertrauen. 

Stellen Sie sich eine Welt vor, voll von engagierten Lehrerinnen und Lehrern, von Möglichkeiten etwas über Themen zu lernen, die für Ihr Leben wichtig sind und etwas verändern könnten, in einer Weise, die Sinn macht und in gesicherten Räumen stattfindet.  

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Mädchen dann heiraten und Kinder kriegen dürften, wenn sie es wünschen, in der es keine geschlechtsspezifische Gewalt geben würde und in der alle von einer nachhaltigen Lebensweise profitieren. 

Ändern Sie die Art, wie wir über Bildung denken. Gehen Sie einen Schritt weiter. Dann müssen Sie sich diese schöne neue Welt nicht mehr vorstellen, sondern können in ihr leben.