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Internationales Symposium 2017

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Internationales Symposium 2017: „Frauen in einer sich verändernden Arbeitswelt“

Barbara Massing, die Verwaltungsdirektorin der Deutsche Welle (DW), stellte die Gleichstellungs- und Diversityarbeit der DW vor. Es sei wichtig, noch systematischer auf Gleichstellung auf allen Ebenen und in allen Bereichen zu achten. Deshalb sei die DW auch Teil des Netzwerks Gender@International Bonn und habe sich dem Gleichbehandlungs-Check der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unterzogen. Dies bedeute konkret flexible Arbeitszeiten für alle, geteilte Führungspositionen und das Etablieren einer neuen Führungskultur.

Karin Nordmeyer, die Vorsitzende des Deutschen Komitees für UN Women, betonte, dass noch kein Land die vollständige Gleichstellung der Geschlechter erreicht habe. Die globale Agenda 2030 habe einmal mehr die Bedeutung der Gleichstellung sowohl als übergreifendes Mittel zur Erreichung aller als auch als eigenständiges Ziel bekräftigt. Beim derzeitigen Tempo würde eine ökonomische Gleichstellung jedoch laut Global Gender Gap Report 2016 noch 170 Jahre dauern. Dabei sei die wirtschaftliche Stärkung von Frauen nicht nur ein moralischer Imperativ sondern auch ökonomisch längst überfällig: Die Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt könnte das globale BIP bis 2025 um 28 Billionen US-Dollar erhöhen. So bleibe das Ziel der vollständigen Gleichstellung von Frauen und Männern: "Gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleiche Chancen und gleiche Macht für Frauen und Männer".

Prof. Dr. Ute Klammer, Mitglied der Sachverständigenkommission (SVK) für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, stellte das Gutachten der SVK vor. Ziel sei es gewesen, konkrete Schritte zu erörtern, um weichenstellende Übergänge im Lebenslauf zu gestalten. So plädiert die SVK etwa für das Erwerb-und-Sorge-Modell. Denn der Gender Pension Gap betrüge 53 %, der Gender Pay Gap 21 %, der Gender Lifetime Earnings Gap 49 % und der Gender Care Gap 52 %.
In Bezug auf die Themen des Symposiums stellte Prof. Klammer die Forderung der SVK nach einem Wahlarbeitszeitgesetz unter Einbeziehung von mobilem Arbeiten vor. Hierbei sei es wichtig, die Gefahr der Entgrenzung zu vermindern und Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Ebenfalls nötig sei eine Diskussion über eine neue Vollzeitnorm. Das Entgelttransparenzgesetz bleibe weit hinter den Erwartungen zurück und müsse nachgebessert werden. Digitale Plattformen müssten gleichstellungsspezifisch geprüft und stärker gegen Cyber Harrassment (Belästigungen im Netz) vorgegangen werden. Zum Themenbereich Flucht fehle Datenmaterial, es müsse eine stärkere Geschlechterperspektive in der Forschung geben. Ganz konkret gehe es jedoch z.B. um die Vermeidung der Reproduktion von Geschlechterstereotypen bei Maßnahmen. Und darum, den Zugang zu Programmen nicht an eine Bleibeperspektive zu knüpfen sowie durch eine gute Infrastruktur für die Betreuung von Kindern zu gewährleisten. Auch brauche es Gewaltschutzkonzepte für Erstaufnahmeeinrichtungen.

Hier finden Sie die Präsentation von Prof. Dr. Klammer.

Sven Paul, Referent im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, präsentierte die Stellungnahme (STN) der Bundesregierung, sagte aber zugleich, dass eine gewisse Zurückhaltung wegen der anstehenden Bundestagswahl vorherrschte. Auch gäbe es manchmal keine Positionierung zu bestimmten Themen wie dem Ehegattensplitting, weil die Bundesregierung sich nicht einig wäre. Er lobte das Gutachten als wertvolle Analyse der gleichstellungspolitischen Situation und fundierte Grundlage für die politische Diskussion zukünftiger Handlungsoptionen zur Reduzierung von geschlechtsspezifischen Unterschieden. Das Gutachten fließe in Koalitionsvereinbarung für die nächste Legislaturperiode ein. Die Idee, angelegt im ersten Gutachten, seien gleiche Verwirklichungschancen für Männer und Frauen - nicht theoretisch, sondern ganz real. Die von Prof. Klammer angesprochenen vier Lücken seien jedoch Anzeichen für fehlende Gleichstellung. Der Schlüssel zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt sei eine partnerschaftliche Teilung der Sorgearbeit. Wichtig sei auch eine Aufwertung sozialer Berufe. Als weitere Themen nannte er die Chancen der Digitalisierung für eine gerechte und fortschrittliche Gesellschaft, die Stärkung der Potenziale von Menschen mit Migrationshintergrund und die Überwindung von Gewalt in der Partnerschaft. Gleichstellungspolitik umfasse auch die Belange und Bedürfnisse von Männern.

Im anschließenden Dialog äußerten die beiden, befragt zu ihren Prioritäten:
Prof. Klammer: Wahlarbeitszeitgesetz
Sven Paul: Eine Transferstelle, zur dauerhaften Unterstützung der Gleichstellungspolitik; eine Arbeitseinheit für Gleichstellung in der Pflege

Anna Falth von UN Women stellte die Ergebnisse der 61. Sitzung der Frauenrechtskommission (FRK) der Vereinten Nationen vor. Sie betonte, wie eng sie mit der Agenda 2030 verknüpft seien. Sie stellte sowohl den "Global Action Plan for Women's Economic Empowerment (WEE)" als auch die daran beteiligten Akteur*innen vor. Eine sei die Privatwirtschaft, die sich zum Beispiel im Rahmen der Women's Empowerment Principles (WEPs) engagieren könne. Sie beschrieb die Veränderung der Arbeitswelt, die vierte industrielle Revolution, die Globalisierung und Mobilität von Menschen bei zunehmender Informalisierung etwa im Rahmen der sogenannten Gig-Economy und abnehmender sozialer Sicherung. Jobs würden verschwinden, neue Jobs entstehen: 65 % der Kinder, die jetzt in die Grundschule kämen, würden später Jobs haben, die gegenwärtig noch nicht existierten. Es gäbe einen Global Talent Gap von 40% - die Diskrepanz zwischen benötigten und verfügbaren Arbeitskräften. Ein Lösungsansatz von UN Women sei die als Prototyp bestehende Virtual Skills School, die sich speziell an Frauen richte, da sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt seien. Zwei wichtige Forderungen der Abschlusserklärung der FRK seien der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt sowie gegen Diskriminierung (unter Beachtung intersektioneller Ansätze). Sie ging zudem auf internationale Kooperationen wie G7-Initiativen in den Bereichen WEE, WEPs, STEM, WINDS ein.

Die Analyse von Anna Falth finden Sie hier zum Download.

Eva Ritte, FRK-Jugendbeobachterin der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (DGVN) und Johanna Klotz vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) tauschten sich mit Anna Falth über die diesjährige Sitzung der FRK aus. Frau Ritte sagte, dass Jugendliche zwar mitgedacht wurden, jedoch nicht spezifisch genug und dass die Forderungen des Jugendforums weitergehender gewesen seien. Der Arbeitskreis Gendergerechtigkeit der DGVN sei in Kontakt mit den MdBs, die auch bei der FRK waren, um die Gleichstellung im Arbeitsleben weiter voran zu treiben.
Frau Klotz stellte heraus, dass die Verfolgung eines Lebensverlaufsansatzes wichtig sei und auch, Gewalt gegen Frauen im Kontext von Arbeit zu bedenken. Eine breite zivilgesellschaftliche Unterstützung sei für ein Vorankommen der Gleichstellung notwendig. Barrieren, die Frauen abhielten, Jobs in der IT-Branche zu ergreifen, müssten ermittelt und behoben werden. Grundsätzlich sei ein holistischer Ansatz notwendig. Ein Lösungsansatz des BMZ sei etwa die im G20 Kontext entstandene Initiative eSkills4girls, an der auch UN Women beteiligt sei oder der Fonds zur Förderung von Krediten für Unternehmerinnen in den sogenannten Entwicklungsländern.
Frau Falth betonte noch einmal, dass die Abschlusserklärung immer ein Kompromiss aller Länder und daher nie so ambitioniert sei, wie sie sein könnte. Technologie könne neue Jobmöglichkeiten für Menschen ohne formale (Aus-)Bildung schaffen.

Befragt nach ihren Erwartungen an alle Expert*innen im Raum sagten sie:
Eva Ritte: Starke Allianzen seien notwendig: Generations-, geschlechter- und akteur*innenübergreifend!
Johanna Klotz: Ein Austausch über konkrete Projekte und Ideen auf der heutigen Veranstaltung und darüber hinaus. Zusammenarbeit mit Männern wie etwa bei HeForShe.
Anna Falth: Benachteiligten Mädchen müsse geholfen werden, ihre Horizonte zu erweitern und signalisiert werden, dass sie neugierig und mutig sein könnten und alles werden könnten, was sie möchten.

Im Vorfeld und vor Ort hatte das Deutsche Komitee darum gebeten, analog oder digital einzureichen, was unser aller Forderungen für einen #Planet5050 in einer sich verändernden Arbeitswelt sind. Das Ergebnis wurde visualisiert in Form einer Word Cloud:

Nach der Mittagspause wurden parallel vier Workshops angeboten, deren Ergebnisse anschließend in großer Runde präsentiert und gemeinsam weiter diskutiert wurden:

 

Workshop 1
Michaela Wullinger
, deutscher ingenieurinnenbund e.V.: Digitalisierung und digitale Kluft zwischen den Geschlechtern:
Die Digitalisierung biete die Chance auf mehr Flexibilität bzgl. Zeit und Ort von Arbeit. Es könnten sich neue Netzwerke bilden. Digitale Inhalte müssten jedoch von Frauen (mit)gestaltet werden, Inhalte auch für Analphabetinnen intuitiv erfassbar und aus sicheren Quellen sein. Es müssten Schutzräume geschaffen werden, in denen die Persönlichkeitsrechte gewahrt werden, Allgemeine Geschäftsbedingungen müssten transparenter werden, Alternativen für Dienste wie WhatsApp (z.B. Threema) geschaffen werden, das Allgemeine Gleichstellungsgesetz auf Online Harrassment angewandt werden, es müsse geschützte und moderierte Räume geben, die Angebote müssten für alle zugänglich und kostenlos sein. Man müsse in Kitas und Schulen Gender Stereotype bekämpfen und Mädchen z.B. ermutigen, Programmiersprachen zu erlernen. Es solle Bonussysteme zur Förderung von programmierenden Frauen geben.

Workshop 2
Malte Drewes, Internationale Arbeitsorganisation: Arbeitnehmer*innenrechte und der informelle Arbeitsmarkt:
Wichtig sei die Schaffung von rechtlichen Rahmenbedingungen. Ferner müsse es ökonomische Anreize in Form von Umverteilung, Steuerreformen, besserer Entlohnung von Pflege- und Sorgearbeit geben. Es gäbe eine staatliche Fürsorgepflicht, wenn der Privatsektor nicht willens/in der Lage sei, die nötigen Bedingungen zu schaffen. In unserer individualisierten Gesellschaft sei es notwendig, kollektive Werte zu stärken. Es brauche eine Debatte über kulturelle Werte und Anerkennung von bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit. Die Digitalisierung schaffe neue Möglichkeiten der Vereinbarkeit, müsse jedoch rechtlich geregelt werden. Wichtig sei es auch, die Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten zu bedenken.

Workshop 3
Dr. Delal Atmaca, DaMigra e.V.: Situation von Migrantinnen und weiblichen Geflüchteten:
Es brauche eine Menschenrechtsbildung in Schule und Ausbildung, für Arbeitgeber- und Arbeitnehmer*innen sowie Diversity-Management in Unternehmen, um Barrieren abzubauen. Wichtig sei zudem die soziale Ächtung von Rassismus und der Abbau von Vorurteilen z.B. auch in der Agentur für Arbeit. Die positive Darstellung von Migrantinnen und geflüchteten Frauen in den Medien sei zu fördern, um Vorbilder zu schaffen. Gelungene Integrationsprojekte seien z.B. "MINT Flucht/ Migration", Kinderbetreuung bei Sprachkursen, Praktika für Migrantinnen in Behörden und Ämtern oder "Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein".

Workshop 4:
Robert Franken: Genderstereotype und soziale Normen:
In der Arbeitswelt gäbe es viele Probleme vom Gender Pay Gap über zu wenig Frauen in Führungspositionen bis zu festgefahrenen Strukturen in Unternehmen und Festhalten an Hierarchien. Lösungsansätze seien etwa verpflichtende Tandems (Mann/Frau), soziokratische Organisations-formen, Quoten, anonyme Bewerbungsverfahren, stereotypenfreie Erziehung und Bildung, empathische Perspektivwechsel, männliche Genderchampions, genderneutrales Marketing, Förderung diverser Teamzusammensetzungen, eine tatsächliche Durchsetzung von Gender Mainstreaming und Solidarität unter Frauen.

Später ergänzte Franken, dass männliche Monokulturen nicht mehr die Norm seien. Die Zustimmung für ihr Verhalten nehme ab, auch in peer groups. Um dies weiter zu befördern habe er Male Feminist Europe mitbegründet.

Anmerkungen aus dem Publikum waren zum Beispiel, dass Sanktionen fehlten und Diskriminierung noch immer ein Kavaliersdelikt sei. Oder auch, dass das Schulsystem hinsichtlich Gender-Stereotypen eine Katastrophe sei.

Zum Schluss fasste Frau Dr. Ursula Schäfer-Preuss, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Komitees für UN Women, die Quintessenz der Beiträge prägnant zusammen und bedankte sich bei allen Mitwirkenden, Teilnehmenden und Helfer*innen.


Sachkundig moderiert wurde das Symposium von Susanne Nolden von der Stadt Bonn und dem Netzwerk Gender@International Bonn. Herzlichen Dank!

 Weitere Fotos finden Sie in diesem flickr Album(Bildrechte: UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V./Ortrud Ladleif)

 Die Pressemitteilung zum Internationalen Symposium finden Sie hier.

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Hier finden Sie die Einladung und das Programm als PDF.

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