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Muttertag 2022

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Feministischer Muttertag 2022

Der Muttertag ist in Deutschland seit 1923 bekannt, nachdem die Idee vom Verband Deutscher Floristen zur Profitsteigerung aus den USA importiert wurde. Der neue Muttertag war eng verknüpft mit der Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter und damit fest in traditionellen Geschlechterbildern verankert. Während der Hitler-Diktatur gewann der "Ehrentag der deutschen Mutter" an Bedeutung. Gemäß der völkischen Ideologie der Nationalsozialisten war das Ziel, Frauen wieder verstärkt „an den Herd“ zu bringen und die Anzahl „deutscher“ Kinder zu erhöhen. Weitere Infos zur Geschichte des Muttertags könnt ihr in diesem Artikel nachlesen.

Noch heutzutage werden Mütter an jedem zweiten Sonntag im Mai mit Blumen, selbst Gebasteltem und Frühstück ans Bett „verwöhnt“, kurz vorher locken Angebote für Muttertagsgeschenke wie Staubsauger oder Bügeleisen. Der Großteil der Muttertags-Werbung und -Rhetorik reproduziert ein traditionelles Bild der Hausfrau und Mutter.

Über Geschenke und freie Zeit freuen sich zwar die meisten Menschen, doch das wirkliche Problem der Eltern, und vor allem der Mütter, liegt in struktureller Benachteiligung, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Kinder sind so für viele ein Armutsrisiko.

Wir nutzen den Muttertag als feministischen Aktionstag, um auf die vielfältigen Aspekte von Mutterschaft bzw. Elternschaft aufmerksam zu machen und Forderungen zu formulieren. 

#Muttertagswunsch

Was wünschen Sie sich für sich selbst oder Frauen und Eltern in Ihrem Umfeld für mehr Gleichstellung und Selbstbestimmung? Wir haben unserer Unterstützer*innen nach ihrem #Muttertagswunsch für eine gerechte Gesellschaft gefragt.

Hier sind ein paar Beispiele, alle Wünsche werden am Muttertag auf Instagram gepostet. 

Die Idee zum #Muttertagswunsch hatte die Bloggerin mutterseelesonnig bereits 2016 und seitdem äußern sich Menschen jedes Jahr unter diesem Hashtag zu den bestehenden strukturellen Ungerechtigkeiten. 

Berufsleben

Grafik: Katapult-Magazin

Frauen verdienen rund 18% weniger als Männer und arbeiten häufiger in Teilzeit, um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Der Gender Pay Gap mündet in den Gender Pension Gap, der die auseinanderklaffenden Rentenansprüche von Frauen und Männern beschreibt.

Die sogenannte Motherhood Penalty (dt. „Mutterschafts-Strafe“) zeigt, wie stark die Gehälter von Frauen und Männern nach der Geburt des ersten Kindes auseinandergehen. Mütter gehen häufig keiner Erwerbstätigkeit nach, sind in Teilzeit oder prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Die Erwerbsbiografien von Frauen sind von vielen Unterbrechungen und Einschränkungen gekennzeichnet und unterscheiden sich damit deutlich von denen der Männer.   

Sind Mütter erwerbstätig, erleben sie vielfältige Diskriminierung – von Ausgrenzung und Versetzung bis hin zu Kündigungen. 

Vereinbarkeit ist ein Begriff, der das Problem von insbesondere Müttern beschreibt, Erwerbs- und Care-Arbeit unter einen Hut zu bringen. Andere zu vereinende Aspekte, die einen Menschen ausmachen (Hobbys, Freund*innenschaften, politisches Engagement, ...) werden dabei nicht berücksichtigt.

Einerseits stehen Frauen gesellschaftlich unter Druck, Kinder zu bekommen und dann Elternzeit zu nehmen und die Erwerbsarbeit zu reduzieren, denn „ein Kind braucht seine Mutter“. Andererseits wird die „nebenbei“ geleistete Care-Arbeit im Berufsalltag weder gewürdigt noch berücksichtigt. Insbesondere Mütter müssen diese Arbeit, ihre Kinder und all den damit verbundenen Organisationsaufwand bei Terminen im Job verstecken, um nicht als unprofessionell zu gelten.

Wir fordern Politik und Unternehmen auf, die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass alle Elternteile gleichberechtigt Elternzeit nehmen und in Teilzeit arbeiten können. Ausreichende, kostenlose und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung ab dem Säuglingsalter sowie flexible Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle tragen ebenso zu Geschlechtergerechtigkeit bei.

Care-Arbeit

Frauen leisten im Schnitt drei Mal mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Dieses Ungleichgewicht verstärkt sich, wenn kleine Kinder im Haushalt leben. Dadurch fehlt es Frauen an Zeit und Energie für Karriere, Erwerbsarbeit, gesellschaftliches Engagement oder Freizeit.

Eine wichtige Rolle spielt hier der sogenannte „Mental Load“, also die unsichtbare Verantwortung und mentale Belastung, die mit der Koordination eines Haushalts und einer Familie verbunden sind. Mit diesem Test kannst du herausfinden, wie der Mental Load in deiner Familie oder Partnerschaft verteilt ist.

Unsere diesbezüglichen Forderungen stehen im Equal Care Manifest, mehr Infos zum Thema gibt es bei unseren Partner*innen vom Equal Care Day

Sexuelle und reproduktive Rechte und Gesundheit

Laut dem UN-Bevölkerungsfonds ist fast die Hälfte aller Schwangerschaften weltweit ungewollt. 60% der ungewollten Schwangerschaften führen zu (unsicheren) Schwangerschaftsabbrüchen. Wenn der Zugang zu legalen Schwangerschaftsabbrüchen eingeschränkt wird, wird die Zahl der Abbrüche nicht kleiner. Sie werden nur unsicherer und gefährlicher für die Schwangeren. 

Der Zugang zu sicheren, respektvollen und nicht diskriminierenden Schwangerschaftsabbrüchen ist eine Menschenrechtsfrage und von entscheidender Bedeutung für eine sichere und gleichberechtigte Zukunft für alle. 

Konflikte und Krisen erschweren weltweit den Zugang zu Verhütungsmitteln und Gesundheitsdienstleistungen. Schwangerschaft und Entbindung stellen besondere Risiken für die Gesundheit von Frauen dar: Jeden Tag sterben weltweit mindestens 830 Frauen an vermeidbaren Ursachen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, insbesondere im globalen Süden. Wir fordern das Recht auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung und Gesundheit für alle Frauen. 

In Deutschland werden Schwangerschaftsabbrüche weiterhin kriminalisiert. Der Beschluss des Kabinetts vom März 2022, den Paragrafen 219a zur "Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft" aufzuheben, ist ein wichtiger Schritt zur Stärkung der reproduktiven Selbstbestimmung von Frauen, aber noch nicht gut. Wir fordern die Streichung des §218 und eine Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs außerhalb des Strafgesetzbuches. Schwangere brauchen flächendeckend Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch. 

Trotz steigender Geburtenraten sinkt die Zahl an Hebammen und Kreißsälen in vielen Teilen Deutschlands, mit teils verheerenden psychischen und physischen Auswirkungen auf Schwangere, Gebärende und Menschen im Wochenbett. Die praktizierenden Hebammen sind häufig einer enormen Arbeitsbelastung ausgesetzt. Um die Geburtshilfe zu verbessern fordern wir gemeinsam mit dem Verein Motherhood e.V. bessere Arbeitsbedingungen für Hebammen, ein besseres Gehalt und mehr Anerkennung.

Nicht zuletzt sind Gebärende immer wieder Gewalt in der Geburtshilfe ausgesetzt. Die Initiative Roses Revolution macht auf dieses Tabu aufmerksam und setzt sich dagegen ein.  

Alleinerziehende

Jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Ein-Eltern-Familie. In neun von zehn Fällen ist die Mutter alleinerziehend. Alleinerziehende brechen mit den traditionellen Familienmodellen und stehen unter enormer Belastung. Sie werden steuerlich benachteiligt und im Berufsleben diskriminiert, und sind einem höheren Risiko von Altersarmut ausgesetzt. Etwa ein Drittel der Alleinerziehenden ist von Armut bedroht. Ein Grund dafür ist auch, dass ein großer Teil der unterhaltspflichtigen Ex-Partner keinen Unterhalt zahlt und institutionelle Mechanismen häufig dabei versagen, dies zu verhindern und zu kompensieren.  

Abstammungsrecht

Bis heute sieht das deutsche Abstammungsrecht vor, dass die Person, die ein Kind zur Welt bringt, „Mutter“ ist und als zweites Elternteil nur ein „Vater“ in Betracht kommt. Das stellt viele "Regenbogenfamilien" oder Familien mit nicht-binärem oder trans Elternteil vor große Hürden und Diskriminierung. 

Laut Koalitionsvertrag soll künftig unter anderem für homosexuellen Eheleuten mit Kindern sowie Gemeinschaften, die nicht auf einer Liebesbeziehung fußen, neue rechtliche Möglichkeiten geben. Zwei miteinander verheiratete Frauen sollen in Bezug auf Kinder rechtlich künftig genauso behandelt werden wie wenn ein Mann und eine Frau miteinander verheiratet sind. Das heißt auch, dass das von einer der beiden Frauen geborene Kind von Anfang an die Ehefrau als zweiten Elternteil haben soll. 

Politik

Dass die Interessen von Familien auf politischer Ebene häufig zu kurz kommen, zeigt sich beispielsweise im Umgang mit der Corona-Pandemie. Und da Mütter die Hauptlast der pandemiebedingten zusätzlichen Care-Arbeit leisten, haben sie noch weniger Zeit politisch aktiv zu sein oder sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen. Eltern und vor allem Mütter und ihre Bedürfnisse werden unsichtbar. Unter dem Hashtag #CoronaEltern berichten viele Familien über ihre Überforderung und das Gefühl, von der Politik allein gelassen zu werden.

Häusliche Gewalt

In Deutschland wurden 2020 139 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Mehr als 1x pro Stunde verletzt ein Mann statistisch gesehen seine Partnerin gefährlich. Die Dunkelziffer ist weitaus höher: Nach sogenannten Dunkelfeldstudien ist jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben von physischer Gewalt betroffen.

Nach den Empfehlungen der Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt fehlen in Deutschland 14.600 Plätze in Frauenhäusern. Jede zweite Frau, die einen Platz sucht, muss abgewiesen werden. Häusliche Gewalt bringt insbesondere Frauen mit Kindern in eine verletzliche Situation, in der sie die Unterstützung in Frauenhäuser benötigen.

Feministische Erziehung

Viele Kinderbücher und die Spielzeugindustrie verbreiten weiter Geschlechterklischees und treiben Gender-Marketing voran, Neugeborene werden häufig mit Püppchen oder Baggern beschenkt und bereits während der Schwangerschaft wird in sog. „Gender Reveal Parties“ das Geschlecht des Kindes aufwendig in rosa oder blau zelebriert. Dabei haben weder Farben, noch Spielsachen, noch Charaktereigenschaften ein Geschlecht. Kindern sollte es freigestellt sein, was und mit wem sie spielen, wie sie die Welt erkunden und welche Interessen und Eigenschaften sie entwickeln. Feministische Erziehung will ein Leben ohne Rosa-Hellblau-Falle und ohne Geschlechterrollen ermöglichen. 

Büchertipps

"Hast du ein Glück, dass dein Mann zu Hause so viel mithilft!", "Frauen wollen die Verantwortung zu Hause gar nicht abgeben!", "Frauen wollen doch gar keine Karriere machen" - diese und andere "Bullshit-Sätze" zerlegt Alexandra Zykunov in ihrem Buch "Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!"

Mareice Kaiser schreibt in "Das Unwohlsein der modernen Mutter" über unerreichbare Mutterideale, Stereotype und Selbstbestimmung.  

Der Sammelband "Nicht nur Mütter waren schwanger" geht es um Kinderwünsche, Schwangerschaft und Elternsein, die von der Cis-Heteronorm abweichen.

Empfehlenswerte Social Media Accounts zu den Themen Elternschaft und Familie

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